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JOURNAL

"' für

ORNITHOLOGIE.

DEUTSCHES CENTRALORGAN

für die

g^e^ainntte Ornittiolog^ie.

In Verbindung mit der

ktitBcliBii nruitjinlDgisi'iiBii toeüsrjmft |tt ^^rliii,

mit Beiträgen von

Eug. F. V. Homeyer, Dr. A. E. Brehm, Dr. A, Hausmann, Aug. v. Pelzeln, Hanptm. Alex. v. Homeyer, Hof-Rath M. Th. v. Heugliu, Dr. 0. Finsch, Victor V. Tschusi-Schmidhofen , Dr. H. Golz, Forstmeister H. Goebel, Dr. Ant. Reichenow, Dr. Dybowski, L. Taczanowski, G. v. Koch, Leonh. Stejneger, Dr. E. Rey, W. v. Nathusius, Graf v. Berlepsch, Dr. N. Severzow, Dr. A. B Meyer, 0. V. Krieger, H. Thiele, Prof. Dr. Th. Liebe, Dr. Jean Guudlach und (anderen Ornithologen des In- und Auslandes,

herausgegeben von

Prof. Br. Jean Cabanis,

erstem Ciistos am König). Zoolog. Museum der Friedrich-Wilhelms-Uuiversität zu Berlin; Seor. d. deutschen ornithologischen Gesellschaft zu Berlin.

XXII. Jahrgang. Vierte Folge, 2. Band.

Mit i Tadeln in Buntdruck,

lietpzig:, 1874.

Verlag von L. A. Kittler.

LONDON. PARIS, NEW-YORK,

Williams & Norgate, 14. A. Franok, rue Richelieu, 67. B, Westermann & Co,

Henrietta Street, Coventgarden. 440 Broadway.

Preis des Jahrganges (i Hefte mit Abbildungen) 6^/, Thlr. praen.

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Inhalt des XXII. Jahrganges.

Vierte Folge.

L Heft, No. 125.

Aufsätze, SSericlite, Briefliches etc.:

Seite 1„ Nachweis des Speciesunterschiedes von Corvus corone und Corvus cornix, und ihrer häufigen Verbastardirung, an den Eischalen. Von W. V. Nathusius.. 1

2. Unsere Bodenwirthschaft und die Vögel. Von Dr. A. E. Brehm . 26

3. Notiz über die Ostsibirischen Pyrrhula - Arten. Von Dr. ß. Dy- bowski. (Hierzu Taf. I.) 39

4. A handbook of the Birds of Egypt by G. B. Shelley. Bericht von

M. Th. V. Heuglin 46

5. Berichtigung {Drepanornis Albertisi Sei.). Von Dr. O. Finsch . 54

6. Ueber Drepanornii Albertisi Sei., Trichoglossus Joseßnae Finsch

und Trichocßossus Wilhelminae nov. sp. Von Dr. A. B. Meyer . 55

7. Nachruf. Von Zittwitz f. Von Alex. v. Homeyer 58

8. Einige Notizen über das Rabenhüttenwesen im nördlichen Thüringen, Von O. V. Krieger 63

9. Ueber PsiUacella Brehmii u. modesta Rosenb. Von Dr. A. B. Meyer 74

10. Literarischer Bericht. Von Dr. O. Finsch , 76

11. Drei Kuckuks-Eier in einem Nest aufgefunden. Von H. Thiele . 80

12. Uebersicht der von Herrn C. Euler im District Cantagallo, Provinz

Rio de Janeiro, gesammelten Vögel, Vom Herausgeber . . . 81

Deutsclie ornithologisclie Crcsellschaft zu Berlin:

13. Protokoll der LVII. Monats-Sitzung. Verhandelt, Berlin den 6. Oc- tober 1873 90

14. Protokoll der VI. Jahresversammlung 92

Erster Tag: Dienstag den 7. October. Im Zoologischen Garten.

Abends im Sitzungs-Local, (A. Brehm: Ueber Vogelschutz,) 92 Zweiter Tag: Mittwoch den 8. October. Im Zoologischen Mu- seum. (C a b a n i s : Neue peruanische Vögel des Herrn Jelski.)

Abends im Sitzungs-Local 96

Dritter Tag: Donnerstag den 9. Octbr. Im Zoolog. Museum. 100 16. Protokoll der LVIII. Monats-Sitzung. Verhandelt, Berlin den 1. De- cember 1873. (Reichenow: Neue westafrikanische Vogelarten. E. v. Homeyer: Aquila Boeckii, vorläufige Notiz. Cabanis: Chrysotis canipalliata n. sp.) 101

IV INHALT,

Seite

16. Protokoll der LIX. Monats-Sitzung. Verhandelt, Berlin den 5. Ja- nuar 1874. (Brehm: U eher Aegithalus jycndulimis in l^ord-DevLtsch- land. Reichenow: Terpsiphone nigromitrata n. sp.) .... 107

UTachrichten :

17. An die Redaction eingegangene Schriften 111

n. Heft, No. 126. Aufsätze, Berichte, Briefliches etc.:

1. Neue Beiträge zur Ornithologie Cuba's. Nach eigenen 30jährigen Beobachtungen zusammengestellt von Dr. Jean Gundlach. (Fort- setzung; s. Jahrg. 1872, S. 401—432.) 113

2. Zusätze und Berichtigungen zur Revision der Vögel Neuseelands. Von Dr. 0. Finsch, in Bremen 167

3. Uebersicht der von Herrn Carl Euler im District Cantagallo, Pro- vinz Rio de Janeiro, gesammelten Vögel. (Schluss; s. S. 81 90.) Vom Herausgeber 225

Deutsche ornithologische Gesellschaft zu Berlin:

4. Protokoll der LX. Monats- Sitzung. Verhandelt, Berlin, den 2. Fe- bruar lb74. (Cabanis: Amydrus Reichenowi n. sp.) 232

ft, Protokoll der LXI. Monats-Sitzung. Verhandelt, Berlin, den 2. März 1874. (Cabanis: Bericht über Giebel's Thesaurus Ornithologiae. Ueber Lantus excubitor und verwandte Arten und über „Ab- arten" im Allgemeinen. Wagen führ: Phyllornis aurifrons in der Gefangenschaft.) 233

IkTachrichteii :

6. An die Redaction eingegangene Schriften 238

7. Naturalien- Verkauf 240

m. Heft, No. 127. Aufsätze, Berichte, Briefliches etc.:

1. Zur Ornithologie der Provinz Santa Catharina, Süd-Brasilien. Von Hans Graf V. Berlepsch. (Schluss; s. Jahrg. 1873, S. 225— 293.) 241

2 Aquüa j)ßnnata und minuta. Von H. Goebel 284

3. Neue Beiträge zur Ornithologie Cuba's. Nach eigenen 30jährigea Beobachtungen zusammengestellt von Dr. Jiean Gundlach. (Fortsetz.; s. S. 113—168.) .286

INHALT. Y

Seitft

4. Beitrag zur Ornithologie der lusel Portorico. Von Dr. Je au Grundlach 304

5. Zweiter Nachtrag zum Berieht über die ornithologischen Untersu- chungen des Dr. Dybowski in Ost-Sibirien. Von L. Taezanowski 315

6. Zur Frage über den Erfolg von Nistkästen. Von Prof. Dr. Th. Liebe, in Gera 337

7. Ornithologische Mittheiltingen aus Oesterreicb. (1873.) Von Victor Ritter v. Tschusi- S chm idhofen 340

Deutscbe ornithologische Cresellschaft zu Berliu:

8. Protokoll der LXII. Monats - Sitzung, Verhandelt Berlin, d. 13. April 1874. (Grolz: Notiz über die Guanolager Peru's. Cabanis: Hermaphroditismus bei Vögeln. Reiche now: Campepkaga fulgida n. sp , Pytelia Reichenoiüi Harti. n. sp. Ueber Hux- ley's System. Wageuführ: Hochzeitskleid der Ardea go- liafh) . 343

9. Protokoll der LXIII. Monats-Sitzuug. Verhandelt Berlin, d. 4. Mai 1874. (Cabanis: Chrysotis panamensis n. sp.) 349

10. Protokoll der LXIV. Monats-Sitzung. Verhandelt Berlin den 1. Juni 1874. (Cabanis: Identität von Turdus apicalis Hartl. und Margarops montanus (Lafr.) 350

H achrichten :

11. An die Sedaction eingegangene Schriften 351

IV. Heft, No. 128. Aufsätze, Berichte, Briefliches etc.:

1. Zur Vogelfauna Westafrika's. Ergebnisse einer Reise nach Guinea. Von Dr. AntonReichenow 353

2. Notizen über einige Vögel Pommerns. Von Dr. A. Hansmann 388

3. Briefliches über Nistkästen. Von G. v. Koch 391

4. Verzeichniss der in China beobachteten europäischen Vögel. Nach

R. Swinhoe. Von M. Th. v. Heuglin 393

5. Allgemeine Uebersicht der aralo-tianschanischen Ornis in ihrer horizontalen und verticalen Verbreitung. Von Dr. N. Sever- z 0 w. Aus dem Russischen mit Originalzusätzen und Berichtigungen

des Verfassers. (Forts.-, s. Jahrg. 1873, S. 321 389.) 403

6. Ornithologische Notizen aus der Krim. Von H. Goebel . . . 447

7. Briefliche Notiz aus Norwegen. Von Robert Collett . . . 455

Deutsche ornithologische Cresellschaft zu Berlin:

8. Protokoll der LXV. Monats-Sitzung. Verhandelt Berlin, den 7. Sep-

▼1 INHALT.

Seite

tember 1874. (Cabanis: Bemerkungen über Centropsar mirus

Sclat. - Reichenow: Criniger Falhensteini n. sp.) 456

9. Circular an die Mitglieder der Gesellschaft 459

Xactaricliten :

10. Au die Redaction eingegangene Schriften 460

Index der systematischen Namen des XXII, Jahrganges, 1874.

Vierte Folge, 2. Band 461

Tafeln des Jahrganges.

I. Pyrrhula cineracea Gab. Siehe Seite 39. II. Fig. 1. Iridornis Jelskii Gab. Siehe Jahrg. 1873, Seite 316.

Fig. 2. Synallaxis {ScMzoeaca) palpebralis (Jelski). Siehe Jahrg. 1873, Seite 319.

III. Aquila Boeckii E. F. v. Homeyer. Siehe Seite 105.

IV. Fig. 1. 2. Aquila cZangfa Fall. juv. Siehe Jahrg. 1873, Seite 455 457. Fig. 3. Aquila orientalis Gab. juv. Siehe ebendaselbst und Jahrg.

1874, Seite 93.

JOURNAL

für

ORl^ITHOLOC^IE.

ZweiundzwanKigster Jahrgang.

Jg 125. Januar. 1874.

Nachweis

des Speciesunterscliiedes von Corvus corone und Corvus cornix, und ihrer häufigen Verhastardirung an den

Eischalen.

Von W, V. Nathusius (Königsborn).

In No. 112 von 1871 dieses Journals habe ich Seite 253 u. if. des Verfahrens, um aus den Dimensionen der Mammillen der Ei- schale in gewissen Fällen Speciesunterschiede bestimmt nachzu- weisen, schon kurze Erwähnung gethan und glaube gezeigt zu haben, dass hier ein wirklich specifisches, der Variation nicht unterworfe- nes Kriterium vorliegt. Auch in No. 119 d. Journ. v. 1872 sind hierzu noch einige Nachträge geliefert.

Die in dieser Richtung mit Corvus corone und C. cornix ange- stellten Untersuchungen haben in Folge der grossen Complication der Verhältnisse bei diesen einen solchen Umfang erreicht und theils so schwierig zu deutende Resultate ergeben, dass es ange- messen erscheint, näher als bisher auf die Methode der Unter- suchung einzugehen, um den Grad ihrer Zuverlässigkeit deutlich zu -nachen, aber auch um jeden Ornithologen durch nähere Be- schreibung der Ausführung zu ihrem Gebrauch in Stand zu setzen. Die Herstellung der erforderlichen Präparate ist so einfach und leicht, dass Jeder, der überhaupt diejenige manuelle Geschicklich- keit besitzt, die freilich für jede Art der Naturforschung erforder- lich ist, keine Schwierigkeit dabei finden wird.

Wie früher ausgeführt, ist die innere Fläche der Eischale mit zitzenförmigen Fortsätzen besetzt, deren Spitzen in die Fasernetze der Schalenhaut inserirt sind. Die Dimensionen dieser zitzenför- migen Fortsätze der Mammillen der Schale, wie ich dieselben

Cab Journ. f. Oriiitb. XXII. Jahrg. No 125. Januar 1874. 1

2 W. V. Nathusius:

bezeichnet habe , sind bei verschiedenen Species häufig sehr verschieden, und es handelt sich bei Herstellung der Präparate darum, diese Dimensionen unter Beihtilfe des Mikroskops bequem und sicher messen und feststellen zu können.

Für alle solche Untersuchungen ist es von grosser Wichtigkeit, die Präparate dauernd zu conserviren , vras in diesem Falle so leicht auszuführen ist, dass es mir wohl gestattet ist, das Verfahren so zu beschreiben, dass es auch diesen Zweck im Auge behält, und dabei auch auf solche Einzelnheiten einzugehen , die für Mikrosko- piker von Fach keiner Ervpähnung bedürfen würden.

Ich werde ferner, da es sich hier um Krähen-Eier handelt, von der Behandlung der Eier von ähnlicher Grösse und Beschafienheit ausgehen. Die Nutzanwendung für grössere und kleinere Eier wird leicht zu machen sein.

Aus der Eischale wird mittelst einer dreieckigen Feile ein viereckiges Stück von 8 Mm. Länge und Breite ausgeschnitten, und zwar vom Aequator des Eies. Zwar sind die Dimensionen der Mammillen an den verschiedenen Stellen der Schale nicht nach- weisbar verschieden , aber dort ist die Wölbung am flachsten und regelmässigsten, und da es sich ferner, wie weiterhin erläutert wer- den wird, um die immer schwierige Aufgabe handelt, irrationale Durchschnittszahlen zu berechnen, so muss Alles vermieden wer- den, was Unregelmässigkeiten in die Grundlagen dieser Durch- schnitte bringt.

Ist das Ei schon beschädigt oder zerbricht es bei dieser Be- handlung, so kann man auch unregelmässig geformte, grössere Schalenstücke verwenden. Es ist räthlich, diese Stücke auf der äusseren Fläche durch eine Zahl oder einen Buchstaben mit Tinte so zu bezeichnen , dass keine Verwechselungen stattfinden können. Bei grösseren Untersuchungsreihen, wie z. B. der vorliegenden, wo über 40 Präparate von Krähen-Eiern angefertigt sind, ist dies durchaus nothwendig.

Auf einem Glasplättchen , das als Objectträger dienen soll*), ist ein Tropfen Kanadabalsam, wie er in jeder Apotheke zu haben sein wird, über einer kleinen Spirituslampe so lange vorsichtig

*) Diese Objectträger in den üblichenn Grösse, so wie die später eu er- wähnenden dünnen Deckgläsclien und Schutzleisten, liefert für einen grossen Theil der deutschen Mikroskopiker der Glasermeister Heinrich Vogel in Giessen. Ich ziehe das alte Giessener Vereinsformat 48 Mm. Länge bei i8 Mm. Breite dem längeren englischen 76:26 in jeder

Speciesuiiterschiede von Corvus corone und Corvus cornix. 3

erhitzt, bis er sich beim Erkalten so erhärtet zeigt, dass mit dem ringernagel kein Eindruck mehr in denselben zu machen ist. Dies ist wesentlich, denn das spätere Abschleifen ist bei noch etwas weichem Balsam eine widerwärtige Operation.

Der Objectträger wird nun wieder so weit erwärmt, dass der Balsam erweicht und das Schalenstück mit seiner äusseren Fläche in denselben so eingedrückt werden kann , dass es in seinem Mit- telpunkte das Glas berührt. Es wird zweckmässig sein, hierbei einen überflüssigen Hitzegrad zu vermeiden. Bei den feinen Scha- len wenigstens scheint die Structur der inneren Schalenfläche durch zu starke Erhitzung etwas alterirt zu werden. Nach vollständigem Erkalten wird die Oberfläche mit einer in Wasser getauchten feinen Feile geebnet und so weit abgefeilt, dass die innere Schalenfläche noch auf 3 4 Mm. unberührt ist, was man an den vorhandenen Resten des Schalenhäutchens leicht erkennen kann. Das weitere Abschleifen geschieht auf einer mattgeschliffenen Glasplatte mit feinem, geschlemmten Schmirgel und etwas Wasser.

Selten wird Schmirgel von genügender Feinheit käuflich zu er- langen sein. Man wird ihn selbst abschlemmen müssen, was in- dess bei den erforderlichen geringen Mengen eine leicht auszufüh- rende Operation ist, die wohl keiner weiteren Beschreibung bedarf. Je feiner und gleichmässiger der Schmirgel, desto schöner werden die Präparate, desto langwieriger ist aber auch die Operation, so dass man bei grösseren Stücken, z. B. Strauss, mit gröberen Sor- ten beginnt und mit den feinen Sorten den Beschluss macht beim fractionirten Abschlemmen erhält man die verschiedenen Fein- heitsgrade ohnehin getrennt. Beim Krähen-Ei wäre dergleichen unnütze Weitläuftigkeit. Ist das Präparat mit der Feile, wie an- gegeben, vorbereitet, so genügen wenige Minuten, um mit einer Messerspitze feineren Schmirgels ein befriedigendes Resultat zu er- langen.

Würde man das Schleifen so lange fortsetzen, dass das Scha- lenhäutchen gänzlich entfernt ist, was bei grösseren Eiern richtig ist, so würde das Präparat bei kleineren zu wenig Mammillenquer- schnitte enthalten, um befriedigende Durchschnittsresultate entneh-

Beziehung vor; besonders aber hier, wo schon die kürzeren Glasplatten bei der starken Erhitzung leichter springen , als angenehm ist. Uebrigens kann man die billigsten grünlichen Sorten um so unbedenklicher anwen- den, als diese Präparate nur bei directer Beleuchtung beobachtet werden, die Qualität des Glases also ganz gleichgültig ist.

1*

4 W. V. Nathusius:

men zu können. Beim Krähen-Ei wird man etwa dann mit dem Schleifen aufhören müssen, wenn noch 2 2,5 GMra. Reste des Schalenhäutchens sich zeigen. Ein möglichst gleichmässiges Ver- faliren in dieser Beziehung bei denjenigen Präparaten, die unter einander verglichen werden sollen, ist, wie schon angedeutet, noth- wendig.

Das Präparat, das nun, je nach der länglicheren oder runderen Form des Eies, ein mehr oder weniger oblonges, in den Kanada- balsam eingebettetes Scheibchen zeigt, dessen Durchmesser beim Krähen-Ei durchschnittlich 6 und 4 Mm. betragen, wird rein ge- waschen und getrocknet und auf seiner abgeschliffenen Fläche ein Portiönchen des ganz feinen rothen Eisenoxyds oder Colcothars, wie man es als feinstes Polirpulver käuflich erhält, und wie es an der mit etwas Speichel befeuchteten Fingerspitze hängen bleibt, mit dieser gründlich eingerieben, bis es ziemlich trocken ist. Nach- dem dann die gröberen Reste des Eisenoxyds abgewischt sind, wird es mit einem weichen Handschuhleder so lange abgerieben, bis die Oberfläche ziemlich glänzend ist. Es zeigt nun in der Mitte einen tief braunrothen Fleck, wo das Eisenoxyd in den Ver- tiefungen hängen geblieben ist, und bei massiger Vergrösserung und directer Beleuchtung unter dem Mikroskop betrachtet, in der Mitte dieses Flecks, der Wölbung der Schale entsprechend, ein, ziemlich undeutliches Bild derjenigen Mammillenendungen , die durch das Schleifen nicht betroffen sind, weiter nach der Peripherie hin zahlreiche, mehr oder weniger tief abgeschliffene Mammillen, die sich in mehr oder weniger reinem Weiss von dem in die Fu- gen eingeriebenen Eisenoxyd abheben; endlich am Rande desselben unregelmässige Figuren aus Verschmelzung mehrerer Mammillen entstanden und halbinselartig mit der verwachsenen Schalenmasse zusammenhängend. Die eigentliche Schalenmasse ist übrigens nicht homogen oder structurlos und röthet sich deshalb mehr oder we- niger durch anhaftendes und eindringendes Eisenoxyd.

Das Präparat ist nun zur Beobachtung fertig; um es aber dauernd für die Sammlung zu conserviren, muss es mit einem Deck- gläschen versehen und durch festen Verschluss des Randes des letzteren geschützt werden. Ein solcher Verschluss für trockene Präparate ist auf verschiedenen Wegen leicht herzustellen. Erst wenn es sich um in Flüssigkeiten liegende Präparate handelt, na- mentlich wenn erstere leicht verdunstende sind, beginnen die Schwierigkeiten eines solchen Verschlusses; um aber doch eine

Speciesunterschiede von Corvus corone und Corvus cornix. ^

und zwar leicht auszuführende und zweckmässige Methode zu geben, will ich diejenige anführen, die ich stets angewendet habe, und die im Wesentlichen auf den Welcker'schen Wachsverschluss hinaus- kommt.

Nachdem ein Deckgläschen von passender Grösse, hier ein quadratisches Plättchen von 1 2 oder höchstens 15 Mm. Seitenlänge, auf die Schlifffläche gelegt ist, werden dessen Kanten mit dem er- hitzten, aber nicht angebrannten Docht eines Wachsstocks so um- fahren, dass ein Wachsrähmchen von circa 3 Mm. Breite entsteht, das um etwas über die Glasplatte überfasst. An den meisten Stel- len vrird die Schicht von Kanadabalsam, in welcher der Schalen- schliff liegt, über den Wachsrahmen herausreichen. Dieses Ueber- stehende und so viel von dem Wachsrahmen , dass dieser nur noch 2,5 Mm. Breite behält, wird mit einer erhitzten Federmesserklinge abgeschnitten, der Objectträger bis an diesen Schnitt vollständig gereinigt, und nun der Wachsrahmen mit dem von Schacht für solche Präparate mit Recht empfohlenen Maskenlack No. 3 von Beseler in Berlin (Schützenstrasse 66) so überzogen, dass der Lack nach innen und aussen den Wachsrahmen um etwa 1 Mm. über- ragt. Dieses geschieht durch successives Auftragen einiger Schich- ten mittelst eines kleinen Pinsels. Nachdem der Lack einiger- massen erhärtet, werden auf den freien Enden des Objectträgers 2 sogenannte Schutzleisten, d. h. Glasstreifen von 10 Mm. Breite, deren Länge der Breite des Objectträgers entspricht, mit Wasser- glas aufgekittet. Streifen von gummirtem Papier, die auf diese Schutzleisten aufgeklebt werden, bieten genügenden Raum, um das Präparat zu etikettiren und alle wesentlichen Notizen, zu welchen auch das Datum der Anfertigung gehört, darauf zu verzeichnen.

Sind auf diese Weise dauerhafte und zierliche Präparate ohne Mühe zu erhalten, so treten wesentliche Schwierigkeiten bei ihrem Studium ein. Das mikroskopische Sehen hat die Eigenthümlich- keit, dass beim Mangel von vergleichbaren Gegenständen, deren bekannte Grösse auch unbewusster Weise als Maassstab dient, eine Schätzung der Dimensionen für das Auge unthunlich ist. Einzelne Messungen können nicht zum Zweck führen, da man nirgends regel- mässige Formen und Dimensionen vor sich hat. Mikroskopische Bilder lassen sich in sehr befriedigender Weise photographiren und wäre dieses ohne Zweifel das beste Verfahren; da es mir aber nicht zu Gebote stand, habe ich mich mit Zeichnungen begnügen müssen, für welche in diesem Falle das Zeichenprisma oder die

6 W. V. Nathusius:

Camera lucida ein kaum entbehrliches Hülfsmittel ist. Es würde EU weit führen, wollte ich Apparat und Verfahren hier beschreiben ; das aber will ich doch erwähnen, dass eine solche Zeichnung die genaueste Bestimmung der Dimensionen in sich schliesst, da man nur einen Objectivmikrometer, d. h. ein in eine Glasplatte einge- ritztes ganz feines Maassstäbchen genau in derselben Art und unter derselben Vergrösserung zu zeichnen braucht, um den Grad der Vergrösserung zu bestimmen.

Leider kann aber eine solche Zeichnung immer nur einen Theil des Bildes umfassen. Als ich bei der Untersuchung des Spe- ciesunterschiedes von Anser domesticus, cimreus und segetum aus solchen Zeichnungen bestimmte Zahlen über diese Verhältnisse ent- nehmen wollte, stiess ich auf die grössten Schwierigkeiten. Die Unterschiede von segetum traten allerdings immer deutlich hervor, wenn ich z. B. in einer gemessenen Fläche der Zeichnung die deut- lich gesonderten Mammillenquerschnitte zählte; aber um eine Ueber- einstimmung der Hausgans mit der Graugans oder verschiedener In- dividuen derselben Form unter sich nachweisen zu können, dazu waren die Zahlen, der Unregelmässigkeit der Bildung entsprechend, zu schwankend.

Endlich stellte sich jedoch heraus, dass, wenn ich aus den deutlich gesonderten und regelmässiger geformten Querschnitten, welche eine Uebersicht des Präparats zeigte, die grössten in einer bestimmten Zahl heraussuchte, für sich zeichnete und dann die Zeichnungen in einer gleichmässigen Reihe ordnete und nebenein- ander stellte, sehr befriedigende und constaute Resultate erreicht wurden, die um so besser ausfielen, je sorgfältiger und consequen- ter beim Aussuchen der Querschnitte verfahren wurde. Die Proce- dur ist bei einiger Uebung gar nicht so schwierig und zeitraubend. Man muss nur nicht scheuen, eine etwas grössere Zahl von Mam- millenquerschnitten zu zeichnen, was ja mit dem Zeichenprisma sehr schnell geht. Ist man nur sicher, keine der grösseren über- gangen zu haben, so scheidet man die kleinsten der gezeichneten nachträglich leicht aus. Meistens habe ich definitiv eine Reihe von 12 Querschnitten zusammengestellt und zu diesem Behuf 15 oder 16 vorläufig gezeichnet. Die Zahl 12 liegt nun einmal nah, ich glaube aber, dass bei den Schliffen von Krähen-Eiern die Zahl 10 vielleicht noch bessere und gleichmässigere Resultate gäbe. Es muss dies davon abhängen, wie viele dem normalen sich nähernde Querschnitte überhaupt in den Präparaten vorhanden sind, und die

Speciesunterschiede von Corvus corone und Corvus corniv. 7

Zahl derselben ist in dem Präparat von einer grösseren, also flacher gewölbten Schale nothwendig grösser.

Es finden sich häufig auch einzelne sehr grosse Querschnitte, die sich oft schon durch ihre unregelmässige Form gewissermassen als zufällige Inseln von Schalensubstanz herausstellen, aber auch bei regelmässigerer Form durch ihre von den übrigen wesentlich abweichende Grösse aussondern. Diese setze ich bei der Zusam- menstellung ante lineam und lasse sie bei der Berechnung der Durchschnitte fort. Wenn man aus einer doch nicht sehr grossen Zahl von Objecten Durchschnitte berechnen will, muss man solche, die sich unzweideutig als abnorm herausstellen, ausscheiden. Stossen einzelne Querschnitte auf, bei welchen man darüber zweifelhaft wird, ob sie als vollständig isolirt zu betrachten sind, oder ob sie wegen 'zu unregelmässiger Form nicht auszuschliessen sind, so zeichnet man sie einstweilen und versieht sie mit einem Fragezeichen. Man wird dann meistens sich leicht überzeugen, dass ihre Aufnahme oder Hin weglassung wenig am Schlussresultat ändert, übrigens beim Vergleich mit der Gesammtheit den Grund zu einem von bei- den finden.

Bei den früheren Untersuchungen hatte ich die zu vergleichen- den Reihen, nach der Grösse geordnet, so neben einander gezeich- net, dass sie in gleichen Entfernungen über und neben einander standen. Dann werden auch geringere ünterschi^e eben so merk- lich, als Uebereiüstimmungen deutlich hervortreten. Die damals mitgetheilten Zahlen beruhten, -wie auch nicht verschwiegen wurde, auf einer nur sehr oberflächlichen Messung der Querschnitte aus der Mitte der Reihen.

So frappant auch beim Vergleich einer massigen Anzahl von Reihen die Prüfung dieser Zeichnungen ist, so bleibt hierbei der Uebelstaud, dass zu einer vollständigen Mittheilung der Versuchs- resultate zahlreiche Tafeln von Abbildungen gehören würden, und bei der Menge, zu der sich das Material bei der hier mitzutheilen- den Untersuchung häufte, geht auch beim wiederholten Vergleich der Zeichnungen der Ueberblick verloren. Es bedurfte der klaren, präcisen Zahlenausdrücke, um die Resultate zu entwirren; ich musste mich also entschliessen , zum Messen der einzelnen Quer- schnitte zu schreiten, und die Schwierigkeiten, die ihre ganz unregel- mässige Form darbietet, zu überwinden suchen.

Schon früher war auf das Ausschneiden und Wiegen der Zeich- nungen, nachdem sie auf starkes gleichmässiges Papier aufgetragen,

8 W. V. Nathusius:

und dieses vorher gemessen und gewogen ist, hingedeutet. Eip Theil der Messungen, welche die zum Schluss angehängte Tabelle enthält, sind so ausgeführt; leider war aber dieses Verfahren um deshalb zu zeitraubend, weil der Maassstab der Zeichnungen ein zu kleiner ist, um dasselbe direct anwenden zu können.

Man wird sehen, dass die durchschnittliche Grösse der Mam- millenquerschnitte bei den Krähen etwa zwischen 0,01 und 0,005 QMm. liegt. Es wurde eine Vergrösserung angewendet, welche die linearen Dimensionen der Zeichnungen auf das 9J,5fache, also die Flächenvergrösserung auf das 8372fache brachte. Weiter zu gehen ist nicht ohne Schwierigkeit. Man würde zu directer Son- nenbeleuchtung oder zu Beleuchtungslinsen greifen müssen, aber auch dann noch die Uebersicht über das Präparat verlieren u. s. w. Die oben gegebenen wirklichen Dimensionen ergeben bei jener Ver-. grösserung immer nur Figuren von 34 42 DMm, Fläche, was eben zu gering erscheint, um der Bestimmung durch Wägung befriedi- gende Genauigkeit zu geben, ohne dass die zeitraubende Vergrösse- rung derselben vorhergehen muss.

Ich habe dann einige Messungen in der Art vorgenommen, dass ich ein durchsichtig gemachtes Papier, welches durch feine rothe Linien in Quadrate von 4 DMm., die durch eben solche blaue Linien wieder in 4 Theile zerfielen, getheilt war, über die Zeich- nungen legte. Man kann so die vollen Vierecke, welche innerhalb des Umrisses der Figur liegen, ziemlich leicht zählen und bei den- jenigen, welche durch den Umriss geschnitten werden, den Bruch ziemlich genau schätzen; aber das Verfahren ist doch auch viel mühsamer und zeitraubender als man denken sollte, dabei sehr äugen- und nervenaugreifend.

Glücklicher Weise wurde ich zufällig auf den Polarplanimeter von Amsler-Lafond aufmerksam und konnte den grössten Theil der Messungen mit diesem ausführen. Auf Erklärung und Beschreibung dieses merkwürdigen Instruments näher einzugehen, würde hier viel zu weit führen. Es muss die Anführung genügen, dass es wirklich die scheinbar ganz irrationelle Aufgabe löst, den Flächen- inhalt einer beliebigen Figur, nachdem man ihren Umriss mit einem Stift, der sich an dem einen der Schenkel des Instruments befin- det, umfahren hat, direct an einem Nonius abzulesen. Es be- stehen gewisse nicht leicht zu vermeidende Fehlerquellen, es bedarf ^Iso immer einiger im Wesentlichen übereinstimmender Messungen, um sich vor ihrem Einfluss zu schützen, und diese Wiederholungen

Speciesunterschiede von Corvus corone und Corvus corniv, 9

sind bei den kleinen Figuren schon deshalb erforderlich , weil die Noniuseinheit für diese eine etwas zu beträchtliche Grösse ist; aber wenigstens für den vorliegenden Zweck tritt dieses gegen die ausser- ordentliche Erleichterung und Zeitersparung, welche das Instrument gewährt, in den Hintergrund.

Ich habe mich begnügt, die Flächen der einzelnen Querschnitts- zeichnungen bis auf einen möglichen Fehler von 0,5 DMm. bei den kleineren und '6 DMm. bei den grösseren zu bestimmen. Dies be- trüge nicht ganz 47o- Nun sind aber die zu betrachtenden Durch- schnittszahlen immer erst aus 12 solchen Messungen berechnet, so dass sich kleine Messungsfehler in der Durchschnittszahl gegen- seitig ausgleichen, und diese Flächenbestimmungen jedenfalls aus- reiehend genaue sind; denn leider liegt in dem ganzen Verfahren, indem aus unregelmässig auftretenden Erscheinungen durch grössere Durchschnitte bestimmte Zahlen gezogen v^erden müssen, eine weit beträchtlichere Fehlerquelle.

Wir werden einer solchen allerdings nie entgehen, so bald wir die Maasse von Organismen kategorienweise bestimmen v^ollen, und werden uns dadurch nicht abhalten lassen, Relationen zwischen mathematisch betrachtet so unbestimmten Grössen zu suchen ; aber wir werden uns allerdings die Fehlergrenzen klar machen müssen, innerhalb deren wir uns in den gegebenen Verhältnissen bewegen.

Hierzu bietet die vorliegende Untersuchungsreihe einiges Ma- terial. Sie enthält 7 Fälle, in welchen von demselben Ei- Indivi- duum mehrere Präparate gemacht und bestimmt sind. Diese Mes- sungsresultate folgen in allen Einzelheiten auf der angehängten Tabelle A.

Die einzelnen Querschnitte sind nach ihrer Fläche geordnet und die Dimension der linear 91,5fach vergrösserten Zeichnungen in Quadratmillimetern angegeben. Nur die gezogene Durchschnitts- zahl ist auf die wirkliche Grösse, aber ebenfalls in Quadratmilli- meter reducirt.

Zur Erläuterung der 2. und 3. Colonne bei Ei No. 2 diene die Bemerkung, dass hier versucht war, dasselbe Schalenstück, nach- dem das Ergebniss des Anschliffs gezeichnet war, nochmals abzu- schleifen, so dass neue Querschnitte entstanden. Man wird deu Durchschnitt beider Colonnen, also 0,0078, mit dem ersten Präparat zu vergleichen haben. Dann ergeben die Resultate dieser TabellCj übersichtlich zusammengestellt; Folgendes:

10 W. V. Nathusius:

1. Präp. 2. Präp. ^ Durchschn.

No. 2 0,0091. 0,0078. 0,0084.

„8 0,0079. 0,0080. 0,00795.

„10 0,0067. 0,0076. 0,00725.

„11 0,0073. 0,0071. 0,0072.

16 , 0,0057. 0,0061. 0,0059.

„17 0,0071. 0,0072. 0,00715.

Bastard-Ei . . . 0,0ü85. 0,0090. 0,00875.

Also bei den Eiern No. 8, 11, 16, 17 und beim Bastard-Ei eine sehr befriedigende, theils geradezu überraschende Ueberein- stimmung, bei No. 2 und 10 allerdings merkliche Differenzen. Diese betragen auf Hundert berechnet fast 15% bei No. 2 und über 13% bei No. 10. Sie werden, wenn man den Durchschnitt annimmt, schon auf die Hälfte reducirt. Handelte es sich um besonders wich- tige Fälle, so würden sie durch Anfertigung noch einiger Präparate noch weiter reducirt werden können.

Vergegenwärtigt man sich jedoch, dass eine Differenz in der Fläche von 15%, also V? > nur einer linearen Differenz von etwas über 7% oder Vis Vu entspricht, und dass diese schon sehr gering erscheint, wenn man bedenkt, auf wie unregelmässigen Grundlagen diese Durchschnitte beruhen, so wird man sich vor zu grossen Künsteleien damit hüten und sich dess bescheiden, dass Differenzen bis 15% innerhalb der Fehlergrenze der Methode liegen können, wenn nur ein Präparat angefertigt ist, wenn schon diese Fehlergrenze sich durch Anfertigung mehrerer Präparate von dem- selben Ei zweifelsohne verengern lässt. Hierzu würde man also bei besonders interessanten Individuen oder auch dann zu schreiten haben, wenn das erste Präparat auffallende und bedenkliche Re- sultate ergiebt.

In No. 12 von 1871 d. Journals hatte ich einen Zweifel dar- über nicht verhehlt, ob die Methode bei Oscinen und sonstigen zar- ten Eischalen anwendbar sei. Richtig bleibt allerdings, dass sie bei kleineren Eiern und solchen, deren Mammillen stumpfere Ke- gel bilden, weniger präcise Resultate, als bei Struthioniden , Oalli- naceen und Lamellirostren geben muss. Wenn z. B. bei Cygnua musicua der erste und letzte Querschnitt einer solchen Zwölferreihe 193 und 139,2 DMm., bei Gasuarius galeatus 155,25 und 103,5 DMm. haben, so zeigt die Tabelle A. hierin weit grössere Diffe- renzen. Man wird eben specifische Unterschiede in den Dimensio- nen der Mammillen nur dann sicher nachweisen können, wenn diese

Speciesunterschiede von Corvus corone und Corvun cornix. 11

Unterschiede weit über die Fehlergrenze der Methode hinausgehen, und dieses ist, wie sich zeigen wird, bei Corvus corone und corniv der Fall.

Im Allgemeinen hat sich die Befürchtung, dass die Methode auf Oscinen und überhaupt auf zartere Eier nicht anwendbar sei, glücklicher Weise nicht bestätigt.

Die Untersuchung einer Reihe von Oscinen, Glamatoren und Scansoren in anderen Richtungen, die zu dem sehr erfreulichen Re- sultat geführt hat, dass Oscinen von Glamatoren in einigen Be- ziehungen auch durch die Schalenstructur ziemlich sicher zu tren- nen sind, worüber hoffentlich bald das Nähere berichtet werden kann, hat die Gelegenheit geboten, von den bearbeiteten Eiern zu- gleich solche mit Eisenoxyd eingeriebene Anschliffe herzustellen. Sie liegen mir vor:

von Upupa epops, Merops apiaster, Älcedo ispida, Caprimulgus europaeus, Goracias garrula unter den Glamatoren',

von Picus viridis, lynx torquilla unter den Scansoren;

von Sturnus vulgaris, Lanius collurio, Turdus viscivorus, Hi- rundo riparia unter den Oscinen.

Bei keinem ist die Aussicht verschlossen, erforderlichen Falles solche specifische Vergleichungen vornehmen zu können. Nament- lich bei den Glamatoren und den Scansoren erscheinen die Quer- schliffe sehr präcis und klar. So zarte kleine Eier als Hirundo werden freilich immer gewisse Schwierigkeiten bieten, und ist eben die Frage die : ob die Speciesunterschiede, nach denen man suchen würde, auch in diesem Schalencharakter bestimmt genug ausge- sprochen sind. Es ist sogar ein zweiter Anschliff von Motacüla flava hergestellt, der unter letzterer Voraussetzung nicht ganz un- brauchbar erscheint.

Doch es ist wohl Zeit, dass ich endlich nach dieser etwas langen, aber, wie ich glaube, nothwendigen, allgemeinen Einleitung zu den speciellen Verhältnissen der Krähen komme. Diese werden am deutlichsten hervortreten, wenn ich zunächst den historischen Gang der Untersuchung verfolge. Eine Zusammenstellung der Zah- lenresultate giebt dann die angehängte Tabelle B.

Die zuerst von Keitel in Berlin entnommenen Eier von cornix und corone, von jeder ein Stück, zeigten eine sehr bestimmte Ver- schiedenheit, corone No. 3 der Tab. B. einen Mammillen- querschnitt von 0,0105, cornix No. 29 d. Tab. B. nur 0,0050 DMm. Sonach stand ein positiver Erfolg der Untersuchung in

12 W. V. Nathusius:

Aussiclit, OS bedurfte aber natürlich der Bestätigung dieses Resul- tats an mehreren Individuen. Für cornix war diese leicht zu er- halten. 2 Eier von Schlüter aus Halle bezogen No. 23 und 28 d. Tab. B. und als aus Süd-Russland bezeichnet, gaben 0,0052 und 0,0058, eine wenigstens befriedigende Uebereinstimmung.

Anders mit corone. Schlüter hatte sie augenblicklich nicht vor- räthig. Vier von Keitel bezogene Individuen gaben folgende Re- sultate. Das eine No. 2 d. Tab. A. und No. 14 d. Tab. B. gab beim 1. Präparat 0,0091 DMm., Jiach dem Durchschnitt meh- rerer Präparate nur 0,0084. Dies stimmte wenigstens noch eini- germassen mit der No. 1. No. 25 d. Tab. ß., ebenfalls aus Wit- tenberg, nur 0,0055, also ganz mit den cornix-FAQ.x\\ stimmend. Nr. 4 d. Tab. B., aus Schweden, 0,0104, ganz mit corone No. 3 d. Tab. B. stimmend. No. 26 d. Tab. B. , aus Braunschweig, 0,0054, wieder mit cornix stimmend.

Unterdess hatte Schlüter in sehr gefälliger Weise aus einer Privatsammlung 2 Eier für mich beschafft , die dort als corone, aus Anhalt stammend, bezeichnet waren. Das eine war unbrauchbar, weil die innere Schalenfläche, wie dies bei gefaulten oder auch schlecht ausgeblasenen Eiern öfter der Fall ist, gelitten hatte. Das andere - No. 27 d. Tab. B. ergab 0,0053, stimmte also wieder mit cornix.

Der Gedanke, dass No. 25, 26 und 27 wirklich cornix und nur falsch bezeichnet waren, lag wohl nahe. Auch der gewissenhafteste Naturalienhändler kann bei solchen Eiern, die, wie hier, äusserlich gar nicht unterscheidbar sind, getäuscht werden, und das möchte auch vielen Sammlern passiren können ; es galt also nunmehr, corone- Eier aus ganz sicheren Quellen zu erhalten und zwar, wenn mög- lich, aus Gegenden, wo cornix gar nicht oder nur selten vorkommt. Es musste deshalb die schon im Frühjahr 1872 begonnene Unter- suchung bis zur Legezeit der Krähen im Jahre 1873 ruhen. Ich hatte mich unter Mittheilung des Zvfecks an zwei Herren gewandt, die auch mit grosser Freundlichkeit meiner Bitte durch Uebersen- dung von Eiern und Notizen entsprachen und gewiss die Garantie competenter Beobachter boten. Herr v. Tchusi-Schmidthofen zu Tännenhof bei Salzburg, als Ornithologe genügend bekannt, der die wechselnde Verbreitung von corone und cotmix in Oesterreich spe- ciell vorfolgt hat, und Herr Oberförster Müller zu Gladenbach bei Marburg, ebenfalls als Naturforscher und Autor bekannt. Durch J3eide erhielt ich Gelege von je 2 Eiern, und zwar von Krähenpaa-

Speciesunterschiede von Corvus corone und Corvus cornix. 13

fen, welche sie selbst als einfarbig schwarze Krähen beobachtet und erkannt haben; überdem kommt, nach beider Herren Mitthei- lungen, cornix dort nur ganz ausnahmsweise vor. Ferner erhielt ich von meinem Schwager, Herrn Oberförster v. Meibom aus Krofif- dorf bei Giessen, ein Gelege von 3 Eiern. Auch dort ist ein Vor- kommen von cornix nicht beobachtet und das Krähenpaar, von dem diese Eier stammen, durch einen Förster als schwarze Krähen be- obachtet. Endlich hatte Herr v. Tschusi die grosse Güte, von einem Gelege seiner Sammlung, das als Bastard- Gelege nachgewiesen ist, indem er die Eltern, corone S und cornix $ im Uebergangskleide zu corone, beim Zufliegen zum Neste erlegen konnte. Dieses war 1868 auf dem Jauerling 3000' ü. M. bei Krems in Nieder-Oester- reich. Diese Bastard-Eier haben eine ganz eigenthümliche dunkel olivengrüne Färbung.

Folgendes ist nun das überraschende Resultat der Unter- suchung dieser Eier: corone Nr. 7, aus Kroffdorf No. 9 d. Tab.

B. 0,0097 DMm.

8, daher No. 15 d. Tab. B. ~

(Mittel zweier Präparate, ver- gleiche Tab. A.) .... 0,00795 9, daher No. 12 d. Tab. B. 0,0089

10, aus Gladenbach No. 18 d.

Tab. B. (Mittel von 2 Prä- par., vergl. Tab. A.) ... 0,00715 11, daher No. 16 d. Tab. B.

(ebenso) 0,0072

16, aus Salzburg No. 22 d. Tab.

B. (ebenso) ..... 0,0059 17, daher No. 17 d. Tab. B.

(ebenso) 0,0072

Bastard-Ei von Jauerling - No. 13 der Tab.

B. ~ (ebenso) 0,0087

Hiermit wäre die Untersuchung so ziemlich in eine Sackgasse gerathen gewesen, denn so unzweifelhaft es inir auch schien, dass alle diese Eier Bastard-Eier waren, so war dieses doch schwer objectiv zu begründen, so lange es an einer Suite typisch überein- stimmender corone-Eier fehlte.

Diese erlangte ich endlich aus der Naturalienhandlung von Höschler in Herrenhuth , und zwar aus einer soeben empfangenen

. . 0,0109 DMm.

. . 0,0103

)f

. . 0,0100

ff

. . 0,0094

ff

. . 0,0103

)>

. . 0,0102

. . 0,0108

ff

. . 0,0097

>>

14 W. V. Nathusius:

grösseren Sendung, von Dr. Stölker in St. Fiden bei St. Gallen ge- sammelt, also aus der nordöstlichen Schweiz. Icli bezog 8 Eier, von denen No. 12 15 ein zusammengehörendes Gelege bilden, No. 18 21 einzelne Eier sind, also wahrscheinlich aus verschiede- nen Gelegen stammen.

Es ergeben diese Eier: corone No. 12 No. 1 d. Tab. B. -

No. 13 No. 6 d. Tab. B.

No. 14 - No. 8 d. Tab. B. -

No. 15 No. 11 d. Tab. B. -

No. 18 - No. 5 d. Tab. B. -

No. 19 No. 7 d. Tab. B. -

No. 20 No. 2 d. Tab. B. -

No. 21 No. 9 d. Tab. B. -

Die Differenzen, die hier bestehen, liegen vollständig innerhalb der unvermeidlichen Fehlergrenze, und haben wir somit, einschliess- lich der früher erwähnten No. 1 und 4, eine Reihe von 10 typisch übereinstimmenden Eiern, die als die reinen corone zu betrach- ten sind.

Sie ergeben einen Durchschnitt von 0,0102 oder 103; der von cornia; wird etwa bei 0,0053 liegen. Das nachgewiesene Bastard- Ei, nach der Färbung der Eltern zu ^/^ corone und Va comia: an-

u . r.r.r.on ^ X 0,01025 + 0,0053 . , , ^ ^^^^

zunehmen, hat 0,0087. j ' ergiebt 0,0090;

dieses stimmte also ganz gut.

Aber was sollen wir nun von den Gelegen aus Gladenbach und Salzburg denken, deren Eltern doch von zuverlässigen und com- petenten Beobachtern für corone gehalten worden sind, und die doch Abweichungen zeigen, die ich mit dieser Annahme für gänz- lich unvereinbar erklären muss; was von dem Krofidorfer Gelege, bei welchem No. 7 allerdings rein sein könnte, No. 8 aber doch, und zwar in zwei vollständig stimmenden Präparaten, eine Abwei- chung zeigt, die ebenfalls dem entgegensteht, das Gelege als reine corone zu betrachten. Auch von den Salzburger und den Gladen- bacher Eiern sind je zwei Präparate gefertigt, die mit Ausnahme von No. 10 aus Gladenbach ganz vortrefflich unter einander stim- men. Bei No. 10 ist die Uebereinstimmung der beiden Präparate allerdings eine geringe, aber doch in beiden eine beträchtliche Ab- weichung von dem reinen corone-Typus constatirt.

Herr v. Tschusi, welchem ich diese Resultate theilweise brief-

Speciesunterschiede von Corvus corone und Corvus cornix. 15

lieh mittheilen durfte, macht mich mit Recht darauf aufmerksam, dass aus der Bastardirung auch rein schwarze Exemplare her- vorgehen können und dass ein solches in eine corowß-Bevölkerung aus einer andern Gegend eingewandert, solche Unregelmässigkeiten veranlasst haben könnte.

Gewiss wäre dieses die einfachste und naheliegendste Erklä- rung , wenn ein einzelner solcher Fall hier vorläge ; aber auch die beiden Gelege aus der Umgegend von Giessen zeigen sich ver- bastardirt, und es müsste doch ein sehr merkwürdiger Zufall sein, welcher bewirkt hätte, dass gerade die drei Gelege, die, von rein schwarzen Krähen abstammend, aus Gegenden erhalten wurden, wo graue Krähen so gut als unbekannt sind, sämmtlich einer so zufälligen Beimischung unterlegen hätten.

Diesem Verhältniss gegenüber möchte ich wenigstens zunächst verrauthen, dass die schwarzen Krähen dieser Gegenden überhaupt keine reine corowe-Bevölkerung sind. Unter sehr dankenswerthen Notizen über die Verbreitung der beiden Arten in Oesterreich, die mir Herr v. Tschusi mittheilte, finde ich eine Bemerkung über diese Verhältnisse, die mich sehr frappirt hat, und deren wörtliche Mit- theilung ich mir erlaube. Sie lautet:

„Bei Arnsdorf a. d. Donau (oberhalb Krems), wo ich viele Sommer zubrachte , fand ich unter den zahlreichen Corvus corone 1863 und 1864 noch viele reine cornix; von Jahr zu Jahr vermin- derte sich jedoch ihre Zahl und gegenwärtig (1868) kommt dort cornix nur mehr im Uebergangskleide vor. Man findet dort beinah in der Regel nur solche gemischte Paare gepaart. Sie kamen regelmässig um die bestimmte Zeit an das Wasser zum Trinken, so dass ich sie genau beobachten konnte. Lebensweise, Stimme und Betragen fand ich bei beiden vollkommen tibereinstimmend. Ein Paar (G. corone %, C. cornix $~) brütete im Park; 3 Junge waren C. cornix im üebergang, 1 Stück 0. corone (rein schwarz)."

Genügte so kurze Zeit, um die typische corm.:B-Färbung ver- schwinden und nur noch Uebergangsfärbungen vorhanden sein zu lassen, womit es ganz übereinstimmen würde, wenn öfter der Fall einträfe, dass gemischte Paarungen wohl rein schwarze, aber keine typisch grau gefärbte Nachkommen ergäben, so wäre wohl denk- bar, dass im Laufe der Zeit die graue Färbung zur grossen Selten- heit würde , obgleich die Krähenbevölkerung eine gemischte wäre, und als solche an der Eischalenstructur nachgewiesen werden könnte. Man kennt ja Fälle, wo eine einwandernde Species die

16 W. V. Nathusiüs:

heimische gänzlich vernichtet hat, wie z. B. bei Mus decumanus und M. rattus ; aber dann ist sie feindlich aufgetreten und hat sich nicht so friedlich mit ihr vermischt, als dieses offenbar bei diesen Krähen- arten stattfindet. Wie bei diesen der Vorgang stattfindet, ist offenbar gar kein Grund abzusehen, welcher das eingemischte Blut wieder gänzlich verschwinden machen sollte.

Diese Ansicht setzt also voi*aus, dass verschiedene Species- charaktere von verschiedener Potenz bei der Vererbung sind, oder dass eine Species einen gewissen Charakter (hier die Färbung) schwächer vererbt als die andere, wodurch dann die graue cornix- Färbung verschwände, während in den Mammillendimensionen der Einüuss der ßastardirung bliebe. Etwas sehr Befremdliches läge hierin wohl nicht, aber das muss zugegeben werden, dass es der Untersuchung einer grösseren Zahl von Gelegen bedürfen wird, um es als bewiesen zu betrachten. Dürfte indess, wie mir scheint, die Wahl nur zwischen dieser Annahme und derjenigen stehen, dass die Krähenbevölkerung des Salzburgischen und des Oberhessischen zwar bis auf zufällige Ausnahmen reine corone sei, aber in allen drei Fällen solche zufällige Ausnahmen mir vorgelegen hätten, so halte ich es für wahrscheinlicher , dass die erstere zutreffend ist. Zeigten sich Einflüsse" der Bastardirung in so überraschendem Umfange bei den schwarzen Krähen, so war es erforderlich, auch noch einige graue zu untersuchen.

Ich bezog noch eine Suite von 4 cornix, wahrscheinlich aus verschiedenen Gelegen und ohne speciellere Angabe des Fundorts als Deutschland, von Möschler.

Sie ergaben bei der Untersuchung: c(yrniai No. 4 No. 24 d. Tab. B. 0,0055 DMm. No. 5 No. 50 d. Tab. B. 0,0061 No. 6 No. 19 d. Tab. B. 0,0071 No. 7 No. 21 d. Tab. B. 0,0060 Von No. 6 sind, seiner starken Abweichung wegen, 2 Präpa- rate gefertigt. Das erste ergab 0,72, das zweite 0,69, also eine vollkommen befriedigende Uebereinstimmung. Oben ist der Durch- schnitt beider Bestimmungen angegeben. Es dürfte unzweifelhaft erscheinen, dass No. 6 bastardirt ist. Für No. 5 und 7 ist mir dies nur wahrscheinlich, aber doch noch zweifelhaft, denn etwas weiter möchten die Fehlergrenzen in Procenten bei den comix- Eiern doch noch liegen , als bei denen von corone. Für so kleine Mammillenquerschnitte ist die 91,5fache Vergrösserung der Zeich-

Speciesunterschiede von Corvus eorone und Öorvus cornix. 17

nungen schon eine etwas zu geringe. Jedenfalls würde die Unter- suchung einer grösseren Suite von comix-^i&cn, aus einer Gegend, wo sie als ungemischt zu betrachten sind, zur genaueren Bestim- mung derjenigen Mammillengrösse , die man als die typische noch anzunehmen hat, nothwendig sein. Einige Bedeutung wird man indess in dieser Beziehung auch den unter der Bezeichnung von eorone erhaltenen Eiern No. 3, 5 und 6 No. 25, 26 und 27 d. Tab. B. , deren Mammillendimensionen, wie schon angeführt, 0,0055, 0,0054 und 0,0053 sind, nicht absprechen können, so wie dem Umstand, dass das Bastard-Ei No. 16 aus Salzburg bis a<uf 0,0059 heruntergeht.

Mögen die als eorone bezeichneten Eier No. 3, 5 und 6 wirk-